Mittwoch, 30. März 2011

Supermarkt

Bio-Läden sind bei Studenten „voll in“. Es wird zwar immer und überall über das knappe Geld gejammert, aber für Milch von glücklichen Kühen gibt man dann gerne mal 3,50 Euro pro Liter aus. Mal unter uns: Wer vom Land kommt, weiß, dass in den Bio-Produkten oftmals auch nichts anderes drin ist, als in den halb so teuren im Discounter nebenan. Jeder der das genau so sieht, geht eben auch zu eben jenem. Doch im Discounter gibt es auch eine ganze Menge Zeug, die ein Student nicht wirklich braucht, das aber den Blick auf die wesentlichen produkte versperrt. Wieder mal eine echte Marktlücke. Warum gibt es eigentlich noch keinen Supermarkt extra für Studenten?

Das könnte dann in etwa so klingen - stellen Sie sich einfach typisches Supermarktgedudel vor, gefolgt von folgender Durchsage.
Sehr geehrte Kundin, sehr geehrter Kunde, herzlich Willkommen in „Bachelorkauf – dem Supermarkt für Studenten“.

Bitte beachten Sie unser reichhaltiges Angebot an Kaffee in der praktischen Zentnerpackung im Eingangsbereich. Außerdem neu: Ritalin zum Schnäppchenpreis. Ritalin – jetzt neu in der Abteilung „Klausurvorbereitung“.

Und für alle Freunde von glücklichen Kühen: Bio-Produkte finden Sie im vergoldeten Anbau. Folgen Sie einfach den Platin-Pfeilen und dem wiehernden Melkesel.

Achtung! Achtung! Neu eingetroffen und zum absoluten Hammerpreis: Bachelor-, Master- und Doktorarbeiten für alle Fachbereiche. Bachelor-, Master- und Doktorarbeiten – jetzt im ersten Stock. Direkt neben der Biographie von Karl-Theodor zu Guttenberg.Sonderangebot: Beim Kauf von zwei Arbeiten erhalten Sie einen Anwaltsgutschein gratis.

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Haben Sie eigentlich schon unsere praktischen Galgenstricke probiert? Praktische Galgenstricke, jetzt neu in der Spielwarenabteilung…

Und nur heute: 20 Prozent auf alles! 20 Prozent auf alles!
(Ausgenommen Taschentücher, Kopfschmerztabletten, Druckerpapier, Textmarker, Lehrbücher, Gerichtskosten, Bewerbungsunterlagen, Kugelschreiber, Psychiaterkosten, Maschinengewehre und Goldfische.)

Mittwoch, 23. März 2011

Uni tot?

Einmal im Jahr gibt die Uni Mannheim ihren Studenten frei, damit diese in die Uni gehen können. Klingt komisch, ist aber so. Denn dann findet „Uni lebt“ statt und die Fakultäten garantieren Lehrfreiheit. Theoretisch. Also nach Meinung des AStAs. Die Fakultäten wissen davon nicht immer unbedingt was, aber nun gut.

Uni lebt“ ist dabei an sich eine großartige Sache – einen Tag lang bekommen Studenten im Rahmen von Vorträgen, Workshops, Ausstellungen und Aktionen die Möglichkeit, mal über den Tellerrand des eigenen Studienfaches zu schauen und sich mit einem anderen Thema zu beschäftigen. Meistens sogar mit „der Welt da draußen“ . Und das Ganze dann ohne den Druck, reguläre Veranstaltungen besuchen zu müssen. Also nach Meinung des AStAs. Die Fakultäten sind davon nicht immer so begeistert – aber das hatten wir ja schon.

Doch was passiert, wenn man gewöhnlichen Studenten nun einen Tag frei gibt, um ein Angebot zu nutzen, dass in der Regel a) nicht wirklich beworben wird und b) wenn überhaupt dann im Programm so aussagekräftige Punkte sehen wie: „8:30 Uhr. Vorlesung. Professor Erdfelder“? Ich muss Sie enttäuschen, dass ist leider nicht die 100.000-Euro-Frage. Die Antwort ist nämlich ganz einfach: Nichts.

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Der gemeine Student ist dankbar über einen freien Tag, den er entweder dafür nutzt, Lernrückstände aufzuholen oder, vorausgesetzt er hat das nicht längst verlernt, einfach mal wirklich einen Tag frei zu machen.

Doch auch etwas anderes steht eigentlich jedes Jahr fest: Im Nachhinein war „Uni lebt“ immer ein „Riesenerfolg“. Zumindest nach Meinung des AStAs. Alle anderen denken da anderes darüber.

Mittwoch, 16. März 2011

Lebensläufe

Die absolute Lieblingsbeschäftigung von Studenten – neben Rumjammern und Auswendiglernen, versteht sich – ist das Füllen des eigenen Lebenslaufs. Und das hat sich schon zu einer richtigen Sportart entwickelt. Je voller, desto besser. Wen wundert’s, versucht die Gesellschaft uns doch Tag für Tag einzureden, dass das genau so sein muss.

Das treibt dann zuweilen sehr skurrile Blüten: Studenten melden sich in drei bis fünf Initiativen an, für die sie natürlich eigentlich ohnehin schon keine Zeit hätten. Aufgrund der zusätzlichen Drei- bis Fünffach-Belastung aber natürlich noch viel weniger. Die Initiativen freut das natürlich riesig – den Studenten noch mehr: Denn es steht ja im Lebenslauf.
Je voller, desto besser.

Aber Mitglied in einem halben Dutzend Initiativen sein kann ja wohl jeder. Also muss man sich schon mehr einfallen lassen, um den Lebenslauf ein bisschen aufzupeppen. Seit Bologna hat man ja für Praktika bekanntlich nicht mehr so viel Zeit, aber der gemeine Student ist ja kreativ. Und wie weiß schon der Hesse: „Mir müsse nur flexibel soi, dann trinkt die Welt ach Ebbelwoi!“

Also mal nachschauen…das Pflicht-Schnupper-Praktikum damals in der 9. Klasse in der Autoschlosserei – ja, war halt grad in der Nähe. Mh…im Lebenslauf des BWL-Studenten: „Internship im Car Technology Management Sector“. Passt. Ach, und das Zeitungsaustragen? „Langjährige Tätigkeit im Bereich Medien und Journalismus.“ Na wunderbar!
Je voller, desto besser.

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Und immer weiter sammelt der gemeine Student fleißig Lebenslaufzeilen, schmückt Erfahrungen aus – und sammelt weiter. Bis er dann womöglich mit 30 merkt, dass er vor lauter Lebenslauffüllen doch glatt vergessen hat, sich tatsächlich in einem Bereich ernsthaft beruflich zu orientieren.

Dann hilft womöglich nur noch die nächste Autobahnbrücke. Oder der Alkohol.
Je voller, desto besser.

Mittwoch, 9. März 2011

Bond. James Bond.

James-Bond-Filme sind Kult. Aus vielen verschiedenen Gründen: Wegen der coolen Autos, der Musik, der Bond-Girls – und natürlich auch wegen der Bösewichte. Wobei die sich ja eigentlich in jedem Film so dämlich anstellen, dass man schon befürchten muss, sie hätten in „Criminal Evilness“ nur einen Bachelorabschluss.

Ich meine, hallo, in jedem Film gerät James Bond mindestens einmal in die Klauen des Fieslings. Und der will ihn natürlich um die Ecke bringen. Aber wie? Mit einem elend langsamen Laser, einer Horde Krokodile oder mit einer Kreissäge, deren Förderband eine halbe Stunde braucht. Umständlich bis zum letzten. Dabei könnte es so einfach sein: Kugel in den Kopf – Sache erledigt. Das kann jeder Trottel. Ok, die aktuelle Offensive des FC Bayern würde ich nicht ranlassen, da ist nicht sicher, ob die treffen würde. Aber sonst wirklich jeder.

Aber nein, das Ergebnis ist immer das gleiche: James Bond kommt irgendwie frei und rettet die Welt. Dank der Umständlichkeit unseres Undergraduate-Bösewichts.

Genau genommen spiegeln aber auch die Bösewichte nur die Gesellschaft wieder: Wer Bestimmungen zur Krümmung von Gurken hat und einen Waldarbeiterschein braucht, um eine Wacholderhecke auf seinem eigenen Grundstück umzuhauen, der greift dann auch schon mal zum Laser. Umständlich.

Ich fühlte mich letztens sogar in einer Vorlesung wie in einem Bond-Film. Und das nicht etwa, weil die Dozentin ausgesehen hätte wie Halle Berry – nein, eher wegen der besagten Umständlichkeit. Letztlich läuft doch in so einer Vorlesung alles darauf raus, dass ich mir für die Klausur eine bestimmte Menge Blödsinn auswendig in den Kopf hauen muss. Warum gibt es dann Anwesenheitslisten, Berge von nicht benötigter Literatur und Folien, die für die Vorlesung irrelevant sind? Umständlich. Am Ende geht es eh nur ums auswendig Gelernte. Und ich bin zwei Tage danach wieder so dumm als wie zu vor.

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Vielleicht reicht’s ja trotzdem noch zum Oberschurken. Vielleicht gibt es heute sogar im undurchdringlichen Bachelor-Studiengangs-Bezeichnungs-Dschungel irgendwo einen B.A. in „James Bonding“…

Denn mal ehrlich: So als Geheimagent ist doch viel toller. Der bekommt nämlich am Ende keine Kugel aufgrund seiner eigenen Umständlichkeit sondern wirklich ein Bond-Girl. Und das sogar ohne Auswendiglernen.

Mittwoch, 2. März 2011

Höchstgeschwindigkeit

Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Wir hetzen uns von einer Aufgabe zur anderen, ohne Rast, ohne Ruh und ohne jegliche Bremselemente. Das ist nicht nur im Studium so, aber auch im Studium. Nicht nur, dass man heute in sechs Semestern durchs Studium gepeitscht wird, nein, auch eine typische Woche besteht meistens aus Rennen von Seminar in die Bib, zurück in die Vorlesung, dann zum Job und so weiter und so fort. Essen gibt’s in Form von fast Food und für einfache soziale Kontakte bleibt auch wenig Zeit. Die Folge: Auf dem Campus wimmelt es nur so von fettleibigen Nerds.
Ok, das war jetzt wirklich übertrieben.

Foto: fredddi (CC-by-nc-2.0)
Das eigentlich Schlimme aber ist, dass man diese Lebensweise dann auch noch auf andere Lebensbereiche überträgt, wo dieses Gehetze eigentlich gar nicht sein müsste. Aber wir trotzdem wie der Roadrunner durch die Gegend jagen. Sie wissen schon,  dieser schräge Vogel aus den Looney Toons, hinter dem der Kojote immer her ist und der deswegen immer total schnell durch die Gegend rast. Und „Miep-Miep“ macht.

Obwohl: der war damals schon realistischer als dieser sich ständig Karotten in die Fratze schiebende Sozialschmarotzer Bugs Bunny, der den ganzen Tag nichts anderes zu tun hatte, als faul rumzuhängen und luuustige Geschichten zu erleben. Während er wahrscheinlich auch noch dem Staat auf der Tasche gelegen ist. Ne, dann lieber der Roadrunner.

Wobei dessen Lebensart viele dann wiederum zu sehr verinnerlicht haben. Hetzen und so. Mich gar nicht ausgenommen. Ich meine, wenn ich nach einer langen Woche freitags dann mal in Richtung Heimat aufbreche, könnte ich doch eigentlich ganz entspannt mit 120 über die Autobahn tuckern. Aber nein, es muss gerast werden. Trotz dieser lustigen Schilder mit den Verkehrstoten, die einen genau davon abhalten sollen.

Und ich hetze nicht etwa, weil ich Mami und Papi so schnell wieder sehen möchte oder noch einen Termin hätte. Nein, man hetzt, weil man es gar nicht mehr anders gewohnt ist.

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Das hübsche weiße Schild mit dem diagonalen schwarzen Strich kommt, am Straßenrand lächelt mich der Verkehrstote an, ich lächele zurück – und ab dafür.

Gut...laute Rockmusik aus den Boxen ist der langsamen Fahrweise wiederum auch wieder nicht zuträglich. Aber die übertönt wenigstens das „Miep-Miep“, das ich beim Durchtreten des Gaspedals ausgestoßen habe.

Donnerstag, 24. Februar 2011

Plagiate

...keine Angst, ich bins wirklich.

Darf man ja ruhig mal bezweifeln, wo doch dieser Tage alles von Raubkopien und Plagiaten spricht. Aber immerhin hat Deutschlands beliebtester Freiherr seit Baron von Münchhausen nun zugegeben, „etwas den Überblick verloren zu haben“. Nach über einer Woche. Und auch erst, nachdem der Druck zu groß wurde. Nun gut. Blöd nur: Mit der inzwischen sagenhaften Quote von 75% Seiten, die nicht gekennzeichnete Übernahmen enthalten, sollten es mit der Ausrede an der Uni übrigens nur Leute versuchen, die mir ihrem Leben schon abgeschlossen haben. Es sei denn, sie haben auch einen Adelstitel und die rhetorische Gabe, sogar Rasierschaum für Elektrorasierer verkaufen zu können. Vielleicht.

Ohnehin: Uni. Schreibt doch tatsächlich diese Woche ein Uniprofessor, die Leute sollten sich nicht so aufregen, schon gar nicht über einen nicht zitierten Zeitungsartikel, der ja ohnehin keine wissenschaftliche Qualität besitze. Das zeugt nicht nur von unglaublicher akademischer Ignoranz, sondern auch von absoluter Unwissenheit des wissenschaftlichen Systems. Denn ICH fliege irgendwie hochgradig von der Uni, wenn ich auch nur einen Bruchteil von dem klaue, bei dem Guttenberg „den Überblick verloren“ hat. Und mir würde nach so einem Betrugsversuch wohl niemand mehr eine ganze Streitmacht anvertrauen.

Aber nun gut. Was? Ich beteilige mich gerade an der Hexenjagd, auf einen armen Politiker, der doch nichts getan hat, außer ein paar Zeilchen zu klauen? Vielleicht. Aber der ein oder andere scheint dieser Tage auch vergessen zu haben, dass Politiker nicht nur Exklusivverträge mit Boulevardblättern haben, die dann Schönreden und Speichellecken. Sondern dass es auch sowas wie eine allgemeine Pressefreiheit gibt. Theoretisch. Nur mal so am Rande.

Und nein, das hat jetzt nichts mit politischer Orientierung zu tun – ich fühle mich ganz einfach als Student von so einem Verhalten persönlich angegriffen. Ganze Generationen lernen schon im ersten Semester, dass sie anständig Zitieren. Und die angeblichen Vorbilder führen genau das ignorant ad absurdum. Und die Zeitung mit den vier Buchstaben lässt sie auch noch hoch leben. Ein Hoch auf diese Glaubwürdigkeit.

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Ein Gutes haben diese mangelnden Skrupel von Politikern, wenn es um offizielle Dokumente geht, aber dann doch: Vielleicht meldet sich ja noch irgendjemand, der nachweisen kann, dass der Großteil des Bolognavertrags sein geistiges Eigentum ist. Und der Prozess wird aufgrund von Copyrightfragen gestoppt.

Unrealistisch? Vor zwei Wochen dachten Sie sicher auch noch nicht, dass man mit einer komplett abgekupferten Doktorarbeit ein „summa cum laude“ bekommen kann.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Der X-Haken

Der Roman „Catch-22“ ist eine wunderbar bissige Kriegssatire des US-amerikanischen Autors Joseph Heller. Und ein absoluter Klassiker. Das Buch ist vor allem in Akademikerkreisen so beliebt, dass es sogar in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen auftaucht. Und das nicht, weil die durchgeknallten amerikanischen Bomberpiloten, die auf einem italienischen Stützpunkt alles dafür tun, um sich um den Einsatz zu drücken, in ihrem Verrücktheit so sehr der akademischen Welt ähneln.
Zumindest nicht primär wegen der Verrücktheit.

Foto: U.S. Airforce (PD)
Vielmehr hat sich „Catch-22“ im englischsprachigen Raum als Synonym für „Teufelskreis“ etabliert. Und die gibt es ja in der Wissenschaft oft genug. Auch wenn viele der so genannten "Teufelskreise" nur die einzigartige Unfähigkeit des Autors verschleiern sollen. Ich weiß wovon ich spreche. Nein, ich meine natürlich nicht mich. Aber mein Freund Bernie, B.A. Byzantinistik im 5. Fachsemester, spricht in seinen Hausarbeiten meistens von solchen „Teufelskreisen“.

Schuld an der unglaublichen Popularität des Synonyms „Catch-22“ ist einzig und allein der X-Haken: X besagt im Roman, dass die Sorge um das eigene Leben als fehlerloses Funktionieren des Gehirns zu werten ist. Wer die tödlichen Kampfeinsätze fliegt, ist zwar verrückt – wenn er sich aber beim Arzt für verrückt erklären lassen will, um nicht an die Front zu müssen, muss er bei Verstand sein. Und weiterfliegen.

Und da kommt dann doch wieder die akademische Welt ins Spiel. Denn diese Art von Teufelskreis begegnet uns auch da immer wieder. Zum Beispiel an deutschen Eliteunis. (Und Möchtegern-Eliteunis natürlich auch.) Die sind manchmal so gut, dass selbst die besten Studenten nur grottenschlechte Noten bekommen können. Wer eine 2,0 hat, kann schon mal ruhigen Gewissens den Benz als späteren Privatwagen für die Elite von Morgen vorbestellen. Wenn der dank Papis Geld nicht eh schon vor der Haustür steht. Alle anderen hätten zwar an jeder anderen Uni auch super Noten, können sich aber mit ihrem "Elite"-Abschlusszeugnis nun mal grade für gar keinen Master mehr bewerben. Weder an der Eliteuni, noch an der 08/15-Hochschule um die Ecke.

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Der akademische X-Haken sozusagen: Wer etwas werden will, muss an eine Eliteuni. Wer an einer Eliteuni ist, kann aber nichts mehr werden.

Höchstens vielleicht noch als Bomberpilot. Die Streitkräfte suchen schließlich immer Abiturienten und Akademiker.

Mittwoch, 9. Februar 2011

Endspurt

Juhu, es ist wieder so weit. Während alle anderen Unis in die verdienten Semesterferien – pardon – in die verdiente vorlesungsfreie Zeit gehen, geht in Mannheim das Gestöhne wieder los – pardon – das Semester. Nein Moment, die Vorlesungszeit, denn das Semester läuft ja schon längst wieder. Hach, diese ganzen offiziellen und umgangssprachlichen Bezeichnungen, da kommt man ja ganz durcheinander.

Stopp. Durchatmen.

Ja, das ist die überschwängliche Freude.
Diese überschwängliche Freude, dass es endlich wieder los geht, dass der Rubel wieder rollt, wie man so schön sagt. Nein, eigentlich rollt gar nichts. Zumindest nicht geldmäßig. Köpfe werden vielleicht rollen. Exmatrikulierte Studenten, die es eben nicht geschafft haben acht Klausuren in fünf Tagen erfolgreich zu bestehen. Diese Luschen. Und die Köpfe von Professoren, die es nicht geschafft haben, bei der Bewertung ihre Objektivität zwischen männlichen und weiblichen Studenten zu wahren. Schließlich steht ein Sommersemester vor der Tür. Pardon, das heißt in Mannheim ja Frühjahrs-Sommersemester – aber die kurzen Röcke und tiefen Ausschnitte sind dieselben.

Ja, das ist die überschwängliche Freude. Das ist die überschwängliche Freude, dass die Zeit, in der man allein in der Heimat am Ende der Welt saß, während alle anderen Leute studieren, vorbei ist und dass nun wieder die Zeit beginnt, in der alle anderen Spaß haben, während man selbst studieren muss. Juchhe!

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Doch bevor es endlich wieder los geht, ist noch der Endspurt angesagt: Der Endspurt der vorlesungsfreien Zeit nämlich. Denn kaum kommt man nach Praktika, Hausarbeiten und Klausuren zur Ruhe und hätte theoretisch eine Woche Zeit, mal die Füße hochzulegen, muss man sich aufs neue Semester vorbereiten. Mit Kursanmeldungen zum Beispiel. Draußen lockt ein unglaublich früher, doch liebreizender Frühling mit seinen warmen, weichen Sonnenstrahlen, während man sich selbst durchs Vorlesungsverzeichnis kämpfen muss. Und durch Vorlesungstitel wie „Das individuelle Subjekt im Prozess der Moderne zwischen individueller Selbstsorge und historisch relativen Subjektkulturen im Spiegel repräsentativer literarischer Fiktionen.“ „Teil 1“ wohlgemerkt.

Das ist überschwängliche Freude.  Freude am Endspurt.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Glauben

Wenn „die da oben“ uns etwas versprechen, dann glauben wir das für gewöhnlich auch. Vor 25 Jahren glaubten die Menschen, die Renten seien sicher. Ein paar Jahre später glaubten wir, dass bald überall blühende Landschaften entstünden – und heute glauben wir RTL, dass alles, was im Dschungelcamp passiert, auf keinen Fall gefaked ist.

Nein, die Fallauswahl soll jetzt nicht das Sinken des Niveaus andeuten und dass die Deutschen sich heute nur noch um Aussagen von RTL kümmern. Auch heute gibt es noch jede Menge politische Versprechen, für die sich die Leute interessieren, über die am Stammtisch gezankt wird und von denen einfach alles redet...zum Beispiel......Naja, vielleicht doch nicht.

Aber egal: Fakt ist, wir glauben allzu gerne, was uns die Autoritäten erzählen. Zum Beispiel auch, dass Noten nicht alles sind im Leben. Das haben wir schon in der Schule geglaubt .Bis uns der soziale Druck dann doch dazu veranlasst hat, unser Zeugnis zu...nein, nicht zu „fälschen“ – zu „bereinigen“. Das haben wir auch geglaubt, als wir uns für's Studium beworben haben. Bis dann plötzlich jeder vom NC gesprochen hat. Und man selbst mit einer 1,8 höchstens noch Byzantinistik studieren konnte. Nach acht Wartesemestern, versteht sich.

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Richtig lustig wird’s aber erst, wenn es um Masterstudiengänge geht. Die sind nämlich von vorneherein mit einem festen Numerus Clausus belegt. Wer im Bachelor schlechter als, sagen wir, 2,5 war, braucht sich gar nicht erst zu bewerben. Dumm nur, dass es selbst an der Uni noch so ist wie damals in der Schule: Die junge, gutaussehende, unerfahrene Referendarin hat schon damals für die gleiche Leistung ganz andere Noten vergeben als der kurz vor der Pensionierung stehende Hausdrachen mit Damenbart und Vokuhila. Schlimmer noch: Auch der Standort spielt eine nicht unerhebliche Rolle. Beispiel Mannheim: Es ist ja schön, wenn man an einer (Möchtegern-)Elite-Uni studiert. Nur blöd ist es, wenn dort dann die interne Politik herrscht: „Eine 2,0 bei uns ist die 1,0 an jeder 08/15-Uni.“ Dumm nur, dass sich der Mannheimer Student mit seinem für Mannheim super Abschluss von 2,6 nicht einmal mehr bei einer 08/15-Uni für einen Master bewerben braucht.

Nein. Noten sind nicht alles. Sie sind noch viel mehr. Glauben wir einfach das.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Gaslampen

Die Stadt Mannheim spielt mit dem Gedanken, die Gaslaternen der Stadt gegen elektronische auszutauschen.
Nein, das ist keine Meldung aus dem Jahr 1920, sondern von heute. Die Stadt Mannheim betreibt tatsächlich noch über 380 Straßenlaternen, die Nacht für Nacht mit Gas und einer echten Flamme zum Leuchten gebracht werden. Und das verbraucht ungefähr sechsmal so viel CO2 wie heutige Elektrolaternen. Deswegen sollen die bösen Gaslampen jetzt auch weg. Verständlich. Grüne Städte kommen einfach besser an.

Nun aber gibt es enormen Protest der Anwohner. Das historische Erbe der Stadt werde mit Füßen getreten, lese ich den Kommentar eines erbosten Anwohners in einer Mannheimer morgendlichen Tageszeitung. CO2? Pff. Kann man doch überall sonst auf dieser Welt einsparen – aber doch nicht in meiner Straße. Wo die schönen Gaslampen flackern.

Menschen, die sich für alt Angestammtes vehement und entschieden einsetzen? Schön, dass es so etwas noch gibt. Wutbürger auf Neudeutsch. Nur, dass die in Mannheim nicht gleich mit Tränengas und Wasserwerfern beschossen werden. Noch nicht.

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Nur was mir jetzt noch einer erklären muss: Was genau ist der Unterschied zwischen Gaslaternen und Diplom- oder Magisterstudiengängen? Außer, dass das eine so schön flackert? Für die Gaslaternen wird sich eingesetzt, es wird debattiert und irgendwann ketten sich wahrscheinlich Horden von Feudenheimern an die letzte verbliebene Gaslaterne ihres Viertels. Diplomstudiengänge sind doch historisch gesehen ein mindestens genauso wichtiges Erbe. Und es gibt noch ein kleines, wenn auch unbedeutendes Detail: Im Gegensatz zu Gaslaternen haben Diplomstudiengänge heutzutage immer noch einen tieferen Sinn.

Studenten, die sich an Diplomstudiengänge ketten? Undenkbar. Und das nicht nur, weil Diplomstudiengänge physisch gesehen schwerer greifbar sind als eine Gaslaterne.

►Einschub: AdLeB im Fokus des Mannheimer Morgens

Auf der Hochschulseite des Mannheimer Morgens ist heute ein Artikel über die Serie "Aus dem Leben eines Bachelors" erschienen. Die digitale Version gibt es auf dieser Website zum Nachlesen.
Mannheimer Morgen vom 26. Januar 2011


Mittwoch, 19. Januar 2011

Strange sein

Stranger in a Strange Land.
Dieser Satz steht schon in der Bibel, Leon Russel hat ihn besungen und Robert A. Heinlein hat ein Buch daraus gemacht. Das war übrigens 1961 ein echter Bestseller. Vielleicht, weil sich die Menschen in Zeiten von aufkeimender Hippie- und Subkultur wunderbar mit der Geschichte eines Menschen, der von Marsianern auf dem Mars aufgezogen wird, als junger Mann auf die Erde zurückkommt und sich dann ziemlich „strange“ vorkommt, wunderbar identifizieren konnten.

Foto: sunnybille (CC-by-nc-sa-2.0)
Wie ein Fremder in einer fremden Welt kommt man sich heutzutage aber immer noch vor. In der fremden Welt der Bildungspolitik zum Beispiel. Die liegt literarisch ausgedrückt irgendwo zwischen Heinlein, E.T.A. Hoffmann und Kafka. Science Fiction sind die Vorschläge, gruselig das Ergebnis und alles drumherum ist einfach nur...kafkaesk.

Allein die Figuren sind...nunja...strange halt. Picken wir doch mal ganz zufällig einen Akteur raus ...die Wirtschaft zum Beispiel. Zu Diplomzeiten schrie die kollektiv auf: Viel zu lange Studienzeiten, viel zu viel unnötiger Stoff. Also drängte die Wirtschaft massiv auf stark verkürzte Studiengänge. Wie wär's mit sechs Semestern? Und weil wir in Deutschland leben und immer brav auf unsere Wirtschaft hören, haben wir trotz Aufschreien von Studien und Hochschulvertretern ein sechssemestriges System eingeführt.

Bäm.

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Aber die deutsche Wirtschaft wäre nicht die deutsche Wirtschaft, wenn nicht die gleichen Leute, die schon damals aufgeschrien haben, jetzt nicht schon wieder aufschreien würden. Denn auf einmal sind Bachelorstudiengänge blöd. Die Bachelor wissen viel zu wenig, haben viel zu wenig Praxiserfahrung. Also kommt die innovativste Idee des zugegeben noch jungen Jahrhunderts:
„Wir brauchen mindestens acht Semester im Bachelor!“
Und auf einmal scheint jeder zuzuhören: Politik, Medien...

Es ist ja nicht so, dass Studenten das Gleiche schon seit Jahren fordern. Josek K. Und Gregor Samsa lassen grüßen.

Mittwoch, 12. Januar 2011

Relikte

Immer, wenn der große Schnee vorbei ist, und ich meinen dicksten Mantel in den Schrank hänge, kommen dabei die interessantesten Dinge zum Vorschein. Denn Manteltaschen sind groß und über den Winter kann sich darin jede Menge unnützes Zeug ansammeln. Alte Kassenzettel, Überraschungseierspielzeug – und Uni-Scheine.

Foto:ndj5 (CC-by-nc-2.0)
Scheine? Ja, stimmt, die gabs ja auch mal. Relikte aus längst vergangenen Zeiten, die spätestens seit der Einführung der elektronischen Notenübermittlung der Vergangenheit angehören sollten. (Außer bei den Lehramtsstudenten. Aber die haben wahrscheinlich noch nicht gelernt, wie man Computer bedient.) Bei allen anderen Studiengängen bringen Scheine aber wie gesagt nicht mehr wirklich viel. Trotzdem werden sie immer noch gerne verteilt. Am liebsten von Philologen, habe ich mir sagen lassen. Wie viele Quadratkilometer Regenwald durch diese Zettelwirtschaft schon verloren gingen, will ich lieber gar nicht wissen

Aber das Schöne am deutschen Uni-System ist nun mal, dass man an liebgewordenen Traditionen gerne festhält – egal ob sie überhaupt noch sinnvoll sind oder nicht. „Das war schon immer so und das wird auch weiter so gemacht werden.“ Diese Aussagen stammen dann meistens auch von Relikten. Allerdings sind diese eher im menschlichen Bereich anzusiedeln.
Relikte aus Fleisch und Blut quasi.

Doch Relikte aus längst vergangenen Tagen sind nicht nur in verstaubten Uni-Hinterzimmern anzufinden, tragen eine Fliege um den Hals, ein Monokel am Auge und verlangen von Studenten, dass man sie in der zweiten Person Plural anspricht – nein, auch in den ach so modernen Naturwissenschaften findet man massig Prähistorisches. 
Und ich spreche jetzt nicht von archäologischer Biologie.

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Beispiel Mathematik: In den alten Studiengängen war es Gang und Gäbe, dass eine 3.0 die bestmögliche Note war, die man erreichen konnte. Eine 4 war absolut ausreichend. Deswegen war man nicht blöd im Kopp oder so. Das ist heute immer noch so. Mit dem klitzekleinen Unterschied, dass im Bachelor diese Noten oftmals schon in die Endnote miteinfließen. Zwar nur zu zwei Prozent oder so, aber 10 Vieren à 2 Prozent läppern sich zusammen. 
Dumm gelaufen. Mal wieder.

Aber vielleicht sollte man diese Tatsache den Verantwortlichen einfach mal mitteilen. Neuigkeiten erreichen die eingestaubten Hinterzimmer von Universitäten vielleicht einfach nicht so schnell.

Mittwoch, 5. Januar 2011

Cineasmus

Foto: m4tik (CC-by-nc-sa-2.0)
Deutsche Filme stehen bei deutschen Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht besonders hoch im Kurs. Wen wundert‘s? Christine Neubauer, Walter Sittler oder der unvermeidbare Francis Fulton-Smith können einfach nicht mithalten mit all den Brad Pitts, Julia Roberts und Ben Afflecks Hollywoods. Klar, bedienen unsere deutschen Superstars ja auch eher das gesetztere Publikum. Die einzigen deutschen Filme, die tatsächlich für junge Menschen konzipiert sind, laufen dann meistens im Qualitätsprogramm einschlägiger Privatsender – und bestechen mit dem feinfühligen und hintersinnigen Humor eines Axel Steins.

Doch was sollen deutsche Jugendfilme auch publikumswirksam widerspiegeln, ohne dass es unrealistisch wird? Ich meine, wenn ich nach einem langen Studientag nach Hause komme, will ich doch nicht auch noch auf meiner Couch daheim mit der trost- und aussichtslosen Realität konfrontiert werden.

Wenn Zach Braff zu Rachel Bilson im Hollywoodstreifen „Der letzte Kuss“ sagt,  sie solle doch bitte ihre Studienzeit genießen, das sei die beste Zeit seines Lebens gewesen – dann meint er das auch wirklich so. Zu der Zeit, als ein deutscher Schauspieler diesen Satz noch ernsthaft sagen konnte, mimten Heinz Rühmann oder Hans Albers die Studenten. Und die beiden sind nun leider schon vor Jahrzehnten gestorben – und wohlgemerkt nicht mit 28.

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Klar, die Amis haben auch das Bachelor-System. Und Michael, Zach Braffs Rolle in „Der Letzte Kuss“ hat sicherlich auch seinen Bachelor oder Master in Architektur gemacht. Aber Bachelor ist nicht gleich Bachelor. In den USA haben Bachelorstudenten in der Regel vier Jahre Zeit bis zum Abschluss. Und das kann gegenüber den drei Jahren in Deutschland schon eine ganze Menge ausmachen. Vielleicht kann man ja da sein Leben tatsächlich noch genießen. Und sitzt nicht nur in der Uni, um möglichst schnell ausgebildet, sondern tatsächlich noch gebildet zu werden.
Und darüber kann man dann sogar noch Filme machen.

Also liebe Bologna-Verantwortlichen: Rettet den deutschen Film!
Reformiert den Bachelor.

Montag, 3. Januar 2011

►Einschub: "Missgelaunter" Mannheimer Professor

Professoren werden in der Regel plötzlich ganz zaghaft, wenn man sie nach ihrer Meinung zu Bologna fragt. Zumindest in der Öffentlichkeit. "Keinen Einfluss", "Entscheidungen von oben" usw. Umso erfreulicher, dass es dann hin und wieder doch Professoren gibt, die auch vor Kamera, Mikro oder Notizblock kein Blatt vor den Mund nehmen. Einer von ihnen ist Dr. Jochen Hörisch. Er ist Inhaber des Germanistik-Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur und qualitative Medienanalyse an der Universität Mannheim und hat im radioaktiv-Interview auf das Studienjahr 2010 zurückgeblickt.

Das ganze Gespräch zum Nachlesen gibt es hier.